two hearted man
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Das ewige Leid mit der Stimme

Meine Stimme ist inzwischen zu einer großen Belastung für mich geworden.

Ich werde ständig misgendert. Manchmal ohne zu sprechen, aber sobald ich den Mund aufmache sogut wie immer. Am Telefon habe ich keinerlei Passing. An manchen Tagen ist mir nur noch zum Heulen. Wenn ich beim Arzt meine Karte abgebe und trotz des männlichen Namens als Frau angesprochen werde. Wenn ich beim Herrenausstatter für eine Frau gehalten werde, die für ihren Gatten einkauft. Wenn ich in Begleitung meiner Kunden auf deren Bekannte treffe und für die Betreuerin / Sozialarbeiterin / Freundin / Ehefrau gehalten werde. Wenn ich von der Klofrau zu den Damen geschickt werde. Wenn ich gefragt werde, ob ich mal meinen Mann ans Telefon holen kann. 

Weiß nicht, wie oft ich das hier schon geschrieben habe. Und ich könnte noch mehr schreiben, der Frust wird dadurch nicht weniger.

Ich bin geduldig und lasse den Dingen ihre Zeit. Aber nach zwei Jahren dürfte wirklich mal etwas passieren. Vor allem, weil ich von der Frequenz her inzwischen eigentlich im männlichen Bereich bin. Also liegt es an irgend etwas anderem. Und ich habe auch eine Vermutung: 

anfangs war ich unterdosiert, da ist sehr wenig passiert. Ich wurde langsam ungeduldig, angespannt, sprach in der Bauchstimme und klang relativ künstlich. Und als die Veränderungen kamen, brach die Stimme hier und da weg. Wenn die Stimme wegbricht, klingt das eben nach Stimmbruch. Ich habe einen Beruf, in dem Sprechen elementar ist. Als 40jähriger möchte ich nicht, dass mir mittendrin die Stimme wegbricht. Eine brechende Stimme zeugt von Unsicherheit, von mangelndem Selbstbewusstsein (denn woher soll der Gegenüber wissen, dass ich im Stimmbruch bin). 

Also habe ich alles getan, damit nichts kippt und wackelt. Meine Stimme klingt (bilde ich mir ein) relativ stabil. Aber dafür muss ich ziemlich drücken, meine Melodie klingt (verglichen mit meinem normalen Sprechen) monoton und leblos. Trotzdem sagen einige Leute, dass ich eine weibliche Sprachmelodie hätte. Die ich zusätzlich umso mehr versuche zu unterdrücken. 

Ich spreche bewusst in der Bauchstimme. Wenn ich emotional werde und die Selbstbeherrschung vergesse, rutsche ich wieder in die Kopfstimme. Wie ich "normal" klinge, weiß ich gar nicht mehr. Bevor ich den Mund öffne, habe ich tausend Gedanken im Kopf, was ich sage und wie das klingen könnte und wo ich meine Stimme verorten muss. Manchmal passiert es, dass ich in einen Redefluss komme und merke, dass ich plötzlich in der Tonlage nach oben gerutscht bin, und dann korrigiere ich mich. Was dazu führt, dass ich manchmal einen Satz in Kopflage rede und dann plötzlich wieder dumpf und tief klinge im nächsten Satz. Und weil mir das auch vor Kunden und Fremden einige Male sehr markant passiert ist, bin ich noch verkrampfter geworden als eh schon, damit das nicht mehr passiert. 

Inzwischen ist Sprechen eine ziemliche Qual für mich. Am meisten hasse ich es in Gruppen. ZB im Team, wo rund 15 Leute sind, manchmal einer tuschelt, die Stimme im Raum untergeht. Früher hat meine Stimme recht gut über eine Gruppe hinweg getragen, in Vorträgen und Referaten war ich geübt, und als Musiker konnte ich auch meinen Luftstrom steuern und bewusst seinsetzen. Das ist jetzt vorbei. Ich fühle mich leise, brüchig und ungehört. Mir graut es jedes Mal, dass ich womöglich die Moderation im Team übernehmen muss. 

Manchmal komme ich mir richtig bescheuert vor. Wenn ich mich über etwas ärgere oder freue, meine Stimme dann wegkippt und ich ohne nachzudenken einfach drauflosrede, dann möchte ich mir selbst den Mund verbieten, weil es (für mein Empfinden) einfach albern klingt. 

Wenn ich im Laden stehe, wenn ich auf die Straße gehe, irgendwo anrufe, gebe ich stets mein Bestes, bemühe mich sehr um eine passende Tonlage, und sobald es schiefgeht, sacke ich innerlich zusammen. Möchte am liebsten gar nicht mehr telefonieren, habe Angst neue Leute zu treffen. Möchte mich zu Hause verkriechen und nur noch ein paar Freunde treffen, denen meine Stimme egal ist. 

Es ist eine Belastung, die andere so nicht nachempfinden können. Ständig höre ich "das wird schon" oder "Du siehst doch männlich aus, das ist doch okay" oder "hast doch eine männliche Stimmlage" oder "das bildest Du Dir ein" oder "ist doch egal, was andere sagen". 

Mag ja alles nett gemeint sein. Aber Fakt ist einfach, dass meine Stimme inzwischen eine große Belastung ist. Deswegen will ich jetzt endlich eine Logopädie machen. Vielleicht kann Testo ja in einem halben Jahr oder in einem Jahr oder in zwei Jahren etwas bewirken. Aber so lange kann ich nicht mehr warten. Sonst kündige ich irgendwann meinen Job, verkrieche mich in der Wohnung und setzte keinen Fuß mehr vor die Tür! 

Ich will ja nicht mal, dass die Stimme ultra tief wird. Würde eh nicht zu einem schlanken Typ von 1,65 passen. Ich möchte einfach "männlich" klingen. Zu meinen liebsten Sprecher gehören Kaminski, Augustinski und Missler, die ja auch nicht gerade mit tiefer Tonlage glänzen sondern eher weich und melodisch und etwas höher sprechen. Den Counter-Tenor Andreas Scholl finde ich klasse. Und überhaupt, ein Mann muss nicht brummen, das ist schon okay. Aber einfach mal als Mann erkannt werden, das wäre schön. Das möchte ich endlich erreichen.

Die Hausärztin sagt, sie könne eine solche Verordnung nicht ausstellen. Mein Therapeut macht prinzipiell keine Rezepte und Verordnungen. Also ab zum HNO-Arzt. Schon wieder ein neuer Arzt, schon wieder eine fremde Person, schon wieder ein Outing, schon wieder ein scheiß Passing, ich halte es langsam nicht mehr aus. Aber diesmal muss ich noch durch. Es gibt eine Klinik in der Nähe, die transerfahren ist. Ist zwar etwas weiter weg, aber wenigstens muss ich mir keine blöden Sprüche anhören (würde der nächste HNO um die Ecke hier vermutlich auch nicht bringen, aber ich bin es inzwischen einfach leid). Und dort bekomme ich dann endlich die Bescheinigung für meine Logopädie ...

2heartedman 17.01.2018, 21.56

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