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2019 - Persönlicher Alltag

Transition ist nur ein Teil meines Lebens. Auch in sonstiger Hinsicht war 2019 ein sehr spannendes Jahr für mich.


Ich habe mir stichpunktartig alles notiert, was passiert ist. Welche Veranstaltungen ich besucht habe. Wen ich getroffen habe. Wohin ich gefahren bin. Und jetzt, als ich anfangen möchte, dies aufzuschreiben, stelle ich fest: nö, keine Lust. Weil es einfach nur eine ganz normale Schilderung eines ganz normalen Lebens eines ganz normalen Menschen ist. Was soll ich da groß erzählen? Ich fühle mich nicht mehr als etwas Besonderes. Ich fühle mich völlig normal und gewöhnlich, mein Alltag ist entspannt und gelassen, mein Leben ist ausgeglichen und zufrieden. 

Als jemand, der immer am Rand stand und der ständig das Gefühl bekam "Du bist anders" habe ich es dieses Jahr einfach genossen, Teil von etwas zu sein. Ich konnte in der Masse verschwinden und als einer von vielen durchs Leben gehen. Ich hätte niemals gedacht, wie befreiend Normalität sein kann. Klar, mit meinem Hintergrund und meiner Lebensweise bin ich noch immer eher ungewöhnlich, aber es fällt einfach nicht mehr auf. Letztens sagte mir jemand (der meinen Hintergrund nicht kennt): "Sie wirken wie jemand, der seit Jahren einen ziemlich ruhigen, gleichförmigen, langweiligen Alltag führt, noch nie irgend etwas Besonderes erlebt, irgendwie ein bisschen bieder, vielleicht sogar spießig". Das mag anmaßend und unhöflich klingen, aber für mich war das ein tolles Kompliment, und innerlich habe ich ein Feuerwerk gezündet (und nur nett gelächelt statt es richtigzustellen). Endlich bin ich im Leben angekommen!

Woraus besteht mein Alltag? Was habe ich erlebt? Ohne es einzeln zu benennen, möchte ich trotzdem ein paar Gedanken dazu niederschreiben: 

Ich habe mich mit Freunden getroffen. Wir waren Wandern, Kaffeetrinken, haben Veranstaltungen und Ausstellungen besucht, waren im Kino, im Restaurant, im Theater und auf Konzerten. 

Und dann habe ich neben den zwei Stammtischen noch einen dritten gefunden, der mir thematisch sehr am Herzen liegt. Drei Stammtische im Monat ist zuviel, aber ich muss ja nicht jeden regelmässig besuchen sondern kann je nach Laune, Location und Thema variieren. Ich fühle mich dort sehr wohl und genieße die Gesellschaft. 

Überhaupt habe ich festgestellt: früher waren Menschenmassen ein großes Problem für mich. Dieses Jahr konnte ich es erstmals genießen. Ich erkenne sehr gut, was mir möglich ist und was zuviel wird. Bevor ich überreizt bin, kann ich gut gegensteuern und weiterhin die Veranstaltung genießen. Das ist eine völlig neue Erfahrung. Ob dies durch die neu eingestellten Hormone möglich ist (die sehr viel Einfluss auf meine Wahrnehmung haben) oder an meiner neuen entspannten Männlichkeit liegt, weiß ich nicht. Ich schätze, es ist eine Mischung aus beidem.

Gelegentlich war ich auch alleine unterwegs, Weil es mir wichtig ist, auch mit mir selbst Kontakt zu halten und mir meiner selbst bewusst zu sein. Wenn ich für eine Veranstaltung oder ein Abendessen keine Gesellschaft hatte, dann bin ich eben alleine raus. Alleine zu reisen, alleine essen zu gehen oder alleine etwas zu unternehmen ist ein besonderes Erlebnis, das ich gelernt habe zu genießen und das ich zukünftig noch oft erfahren möchte. 

Beruflich habe ich eine mehrtägige Fortbildung besucht, die mich sehr bereichert hat. Auch einige Teamtage und eintägigen Fortbildungen gab es, an die ich gerne zurückdenke. Ich finde es schön, dass unser Arbeitgeber das nicht nur auf dem Papier bietet sondern auch real sehr gute Angebote bereitstellt.

Meine Oma wurde dieses Jahr 90. Der Besuch bei ihr, das Zusammentreffen mit der Familie und die Auseinandersetzung mit dem Thema Demenz haben mich sehr beschäftigt, mehr als ich in den Beiträgen hier schreiben konnte bzw noch schreiben werde. Auch der Tod meines Onkels und die damit verbundenen Kontakte zu meiner Familie haben viel in mir bewegt.

Es gab schöne Momente, traurige Momente, lustige Momente, ärgerliche Momente. Eben völlig normal, völlig alltäglich. 

2014 seit meinem Outing ging es los. Ich fand immer mehr zu mir selbst. Ich lernte dankbar und zufrieden zu sein. Selbst während der Transition, als es bereits besser wurde, kämpfte ich noch oft mit düsteren Gedanken und Ängsten. Im Grunde war mir mein Leben früher relativ egal. Während der Transition wechselte es von "ich wünschte, ich wäre nicht da, ich will sterben" hin zu "ich will zwar nicht mehr sterben, aber wirklich Lust hab ich auf diesen Mist trotzdem nicht, ich machs halt weil ich durch muss". Es gab ein paar tolle Momente (die ich hier geteilt habe. Viele meiner düsteren Gedanken hatten hier in der Öffentlichkeit einfach keinen Platz, waren aber immer noch im Alltag präsent). Mich selbst konnte ich noch nie leiden, ich habe mich verachtet. Und auch während der Transition habe ich oft mit mir selbst gerungen. Jeden kleinen Fehler habe ich mir selbst immer und immer wieder vorgehalten, um mir aufzuzeigen, wie unwert ich bin. Durch die Transition musste ich anfangen zu hinterfragen, wer ich bin, was mich ausmacht und worin mein Wert liegt. 

2019 ist das erste Jahr meines Lebens, in dem ich lebensbejahend nach außen getreten bin. Ich liebe mein Leben, und ich lebe es gern! Von wegen Sterben, ich will das Leben auskosten, genießen und mich freuen an allem, was es mir zu bieten hat! Und vor allem: ich liebe meine Fehler, ich liebe meine Unvollkommenheiten, ich liebe mich selbst. 

Das ist ein Prozess, den man nicht von einem auf den anderen Tag benennen kann, es hat sich schrittweise entwickelt, und bereits 2018 gab es viele langen Tage oder Wochen am Stück, in denen ich dies empfunden habe. Doch 2019 war das erste Mal "komplett" :-)

2020 kann nur noch toll werden! ;-)

2heartedman 04.01.2020, 16.33

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