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Aktueller Stillstand - wie geht es mir damit

Ich bin also vermutlich unterdosiert. 
Wie geht es mir damit, dass ein Jahr womöglich "für die Katz´" war?


Nun ja, ich bin traurig. Ich habe letztes Jahr sehr hart gekämpft. Es tut weh, ständig misgendert zu werden. Zu erleben, dass bei der Stimme kaum etwas vorwärts geht. Zwar Anzeichen von Vermännlichung, aber Passing dennoch bei sogut wie null. Ich trete inzwischen als Mann auf und muss ständig klarstellen, dass ich keine Frau bin. Das ist sehr, sehr anstrengend und zermürbend. Manchmal fühle ich mich des Kämpfens müde. 

Ja, ich habe Haare am Körper bekommen, und die Stimme hat sich etwas verändert, auch das Gesicht, und Muskeln kamen dazu. Aber irgendwie geht es nicht voran, ich fühle mich seit etwa einem halben Jahr wie "mittendrin steckengeblieben". 

Wenn ich mir vorstelle, dass das noch monatelang, jahrelang so weitergeht, dann würde ich am liebsten aufgeben. Einer der Gründe, warum ich vermutlich kurz vor der Depression stehe (oder schon mittendrin bin, weiß nicht so recht, ist ja fließend). Vielleicht hätte all dies verhindert werden können, wenn ich schon von Beginn an eine passende Dosis gehabt hätte. Wenn mein erster Endo mich nicht monatelang hingehalten hätte. 

Auf der anderen Seite: ich kann nicht wütend sein. Der Arzt wollte mir ja nicht schaden, es war kein böser Wille von ihm. Und was ich mitbekomme, ist die Dosierung von Testo etwas, bei dem selbst die Fachleute sich streiten. 

Ich habe meinen Körper sehr, sehr gut kennengelernt. Besser, als wenn alles sofort gepasst hätte. Ich musste lernen, auf kleine Signale zu achten. Ihn zu verstehen, ihn intuitiv zu begreifen. Hatte vor Testo kaum Zugang zu meinem Körper, seinen Reaktionen, und ich habe sehr, sehr genau zu beobachten gelernt. Wenn man bedenkt, dass man als Transmann auf Ärzte angewiesen ist, die teilweise nur wenig Fachwissen über diese spezielle Thematik haben, dann ist es für die Zukunft ein großer Vorteil, wenn man selbst weiß, was der Körper braucht. 

>Hier< schrieb ich auch von Kongruenz. Die kommt zum einen durch meinen Job, meine Lebenssituation, meine Transition. Aber vor allem kommt ein gewisses Selbstbewusstsein auch daraus, dass ich inzwischen gezwungen bin, nach außen sehr klar aufzutreten. Dies ist nur möglich, wenn ich innerlich genau DAS ausstrahle, was ich nach außen transportieren möchte. Ich sehe aus wie eine Frau und muss den Menschen zu verstehen geben "ich bin ein Mann". 

Mach das mal: Falls Du, lieber Leser, ein Cis-Mensch bist (fühlst Dich in dem Körper richtig, in dem Du geboren wurdest), dann geh mal auf die Straße und tue einen Tag lang so, als wärst Du das Gegengeschlecht. Gehe als Frau mit hoher Stimme und weiblichem Körperbau auf die Straße, sage "ich bin ein Mann". Tu dies auf Arbeit, am Telefon, bei der Post, in der Umkleide der Fitnessbude, auf der Herrentoilette. Und versuche, keinen Zweifel aufkommen zu lassen, dass Du ein Mann bist! Stecke all Deine Kraft in diese Aufgabe! Und am Abend höre in Dich rein, wie Du Dich fühlst ... 

Ich musste mir mein männliches Selbstbild in den letzten zwei Jahren sehr hart erarbeiten. Sehr viel reflektieren, erfragen, erarbeiten, in mich gehen. Habe geweint, getobt, verzweifelt, resigniert, aber auch aufgebaut, geklärt, für mich beschlossen. Ich musste mir meiner selbst bewusst werden: wer bin ich, was will ich, was verkörpere ich, wo will ich hin. 

Dieser Prozess tut verdammt weh. Ich blogge nicht alles, was mich beschäftigt, daher nur so viel: es gab einige SEHR dunkle Momente in den letzten Monaten. Ich musste da irgendwie durch. Und ich habe es geschafft und bin daran gewachsen. Ich fühle mich momentan extrem erschöpft und müde. Auf meinem äußeren Weg an sich stagniert es momentan (Epithese schwebt Termin Mastek abgesagt, körperliche Vermännlichung geht nicht voran, Stimme immer noch weiblich, Passing sogut wie null). Aber innerlich habe ich sehr viel erreicht, worauf ich stolz sein kann. Ich habe eine Veränderung durchlebt, die von meiner gesamten Umwelt als positiv wahrgenommen wird. Zwar fühle ich mich ziemlich beschissen im Moment - ich danke umso mehr meinen Mitmenschen, die mir immer wieder reflektieren, was ich alles erreicht habe und wiesehr ich mich zum Positiven verändert habe. Das macht mir Mut nicht aufzugeben.

Hätte ich sofort alles perfekt gehabt, dann wäre ich innerlich wohl weniger gereift in den letzten Monaten. 

Vielleicht ist JETZT der Zeitpunkt erreicht, an dem ich endlich vorankommen werde. An dem ich meine perfekte Dosis finde und es zack läuft. Nur noch wenige Wochen oder Monate, dann ist es soweit. 

Vielleicht gibt es noch einiges zu lernen, bevor ich endlich als Mann auftreten darf. Vielleicht muss ich noch ein paar Rückschläge einstecken, damit ich innerlich noch weiter wachsen kann, um der Mann zu werden, der ich sein will. 

Platter Kalenderspruch, der mir aber sehr viel bedeutet: "zu lohnenden Zielen gibt es keine Abkürzung".

Ganz ehrlich: mein Ziel ist verdammt hoch, mein >Vorbild< kein geringes, meine Ansprüche an mich selbst höher als ich vermutlich je erreichen werde. Wenn ich auch nur die Hälfte von dem schaffen will, was ich mir vorgenommen habe, werde ich wohl noch ziemlich lange durchs Feuer gehen müssen ... 

Wenn ich ein Ziel habe, wiege ich Aufwand und Endergebnis gegeneinander ab. Manchmal schraube ich das Ergebnis herunter, weil es mir den Aufwand nicht wert ist, weil ein etwas geringeres Ergebnis auch okay ist, solange ich dafür weniger Arbeit habe. Aber in diesem Fall bin ich nicht bereit, das Ergebnis herunterzuschrauben. Mein Anspruch an mich ist sehr hoch. "Zu hoch" mag mancher sagen, aber das ist mir egal. Ich mache das nicht für andere, sondern für mich. Be the best you can be, und jeden Tag ein bisschen besser als zuvor! 

Es mag vielleicht auf den ersten Blick seltsam erscheinen, diese Gedanken in Verbindung zu bringen damit, dass ich schnelles oder langsames Passing habe. Aber ich denke, es kommt rüber, was ich damit aussagen möchte. Oder, vereinfacht: "null Passing ist scheiße. Aber deswegen muss ich halt charakterlich passen, wenn schon nicht optisch. Äußeres kann ich nicht ändern, Charakter schon. Wenn die Optik passt, hätte ich weniger Möglichkeit gehabt, am Charakter zu arbeiten". 

Derzeit empfinde ich eine Gelassenheit und Ruhe, die mich oft selbst überrascht. Und immer wieder denke ich mir in solchen Momenten "wenn ich EINES gelernt habe, dann ruhig zu bleiben und zu warten". Ich habe gelernt (und lerne noch immer), meine Bestätigung nicht aus der Bewertung anderer Menschen zu ziehen sondern meine Bestätigung nur aus mir selbst zu holen. Das macht mich unabhängig von der Meinung anderer. Das ist so befreiend!

Ja, es ist scheiße und tut weh. Aber ich bin sehr, sehr dankbar ... und ich würde wieder exakt den gleichen Weg wählen!

2heartedman 08.03.2017, 21.56

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